Im Rathaus
Otto-Hirsch-Medaille ging an Joseph Rothschild

Otto-Hirsch-Medaille 2010 ging an Joseph Rothschild - Der Tübinger Religions- und Politikwissenschaftler Joseph Rothschild ist mit der Otto-Hirsch-Medaille 2010 geehrt worden. Bürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch überreichte die Auszeichnung bei einem Festakt am 2. Februar im Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses. Mit der Otto-Hirsch-Medaille ehren die Landeshauptstadt, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart und die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs jährlich Persönlichkeiten, die sich mit großem Engagement um die Verständigung zwischen Juden und Christen verdient gemacht haben. Die Medaille wird seit 1985, dem 100. Geburtsjahr von Otto Hirsch, verliehen.
Bei der Feier im Rathaus sprachen Angelika Jung-Sattinger, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, sowie Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Grußworte. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Josef Nolte, Professor für Europäische Kulturgeschichte und Kunstwissenschaft, an der Universität Tübingen.
Joseph Rothschild, geboren in Haifa, studierte schwerpunktmäßig jüdische Philosophie und Islamwissenschaft an der Hebräischen Universität von Jerusalem unter anderem bei den Professoren Schlomoh (Salomon) Pines und Meir (Martin) Plessner. Nach seinem Abschluss und wissenschaftlichen Tätigkeiten an den Universitäten Jerusalem und Tel Aviv nahm er seine Forschungsarbeiten an der Universität Tübingen auf, wo er sich außerdem mit weiteren Studien auf den Fachgebieten der Politik- und Islamwissenschaft befasste. Seit rund 30 Jahren widmet sich der Wissenschaftler und Dozent kontinuierlich der Verbreitung und Erläuterung der Kenntnisse über das Judentum, die hebräischen Sprache (Ivrit) und die hebräische Bibel. Außerdem setzt er sich mit der Geschichte und Gegenwart Israels und dem Nahostkonflikt auseinander. Das zentrale Anliegen seines Engagements war und ist, Schönheit, Tiefe und Sinn des Judentums darzulegen. Dabei setzt sich Rothschild sowohl für den Abbau von Vorurteilen gegenüber Juden und dem Judentum ein als auch für das interreligiöse Verständnis zwischen Judentum, Christentum und Islam. Er plädiert für einen respektvollen Umgang miteinander in gegenseitiger Achtung und würdiger Anerkennung der jeweiligen religiösen Sichtweise, Integrität und Identität.
Gleichzeitig will er durch seinen langjährigen Einsatz einerseits zur Aufarbeitung der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit, andererseits zu einem erweiterten Verständnis des Volkes und Staates Israel und des Nahostkonflikts beitragen. Als Referent in Volkshochschulen und anderen Institutionen hält er Vorträge zu religiösen und gesellschaftlich-politischen Themen. Auch als Gründungsmitglied des Tübinger Arbeitskreises "Begegnungen mit dem Judentum" fördert er den interreligiösen Dialog. Joseph Rothschild ist fest eingebunden in die Geschichte seiner Vorfahren. Seine Mutter, Susanna Rothschild, wurde in Mannheim geboren, sein Vater Herbert (Jizchak) Rothschild stammte aus Bad Cannstatt. Dort war die Familie seines Großvaters Josef Rothschild am Aufbau der Synagogen beteiligt. Sie lebte zur selben Zeit wie Otto Hirsch in Stuttgart und setzte sich trotz schwierigster Bedingungen für ein erweitertes Verständnis des Judentums und gegenseitige Mitmenschlichkeit ein. Joseph Rothschilds Eltern mussten 1933 wegen der nationalsozialistischen Verfolgungen nach Israel fliehen. Im Sinne der Tradition Otto Hirschs, der 1926 das Jüdische Lehrhaus in Stuttgart gründete, ist es für Rothschild eine besondere Berufung, sich durch sein Leben, sein Wirken und seine Lehrtätigkeit auch hier im Land fortwährend für ein fundiertes Verständnis des jüdischen Glaubens, interreligiöse Akzeptanz und einen wertschätzenden Umgang miteinander einzusetzen
Der Namensgeber der Ehrenmedaille, Otto Hirsch, wurde am 9. Januar 1885 in Stuttgart geboren. Er besuchte hier das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg, Leipzig, Berlin und Tübingen. Nach seiner Promotion 1912 beginnt er seine Tätigkeit bei der Stadt Stuttgart. Als Ministerialrat im württembergischen Innenministerium war er 1921 Mitbegründer der Neckar-Aktiengesellschaft, wurde jedoch 1933 von den Nationalsozialisten aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen.
Dr. Otto Hirsch gründete 1926 das Jüdische Lehrhaus Stuttgart und wurde 1930 Präsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Als Geschäftsführender Vorsitzender der Reichsvertretung der Deutschen Juden (1933-1941) setzte er sich unter schwierigsten Bedingungen für die verfolgten Juden ein. Mit seiner Hilfe konnten zehntausende Juden nach 1933 durch Auswanderung gerettet werden. Otto Hirsch wurde im Februar 1941 zum dritten Mal verhaftet und am 19. Juni 1941 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.
Der frühere Leiter des Stadtarchivs Stuttgart, Paul Sauer, hat 1985 im Bleicher-Verlag das Buch "Für Recht und Menschenwürde. Lebensbild von Otto Hirsch (1885-1941)" veröffentlicht.
Bereits 1958, bei der Eröffnung des Stuttgarter Hafens, wurden die Brücken, die Hedelfingen und Obertürkheim verbinden, nach Otto Hirsch benannt. Auf Hedelfinger Seite vor der Friedhofsmauer erinnert ein 1985 von Manfred Rommel enthüllter Gedenkstein an Otto Hirsch. Auch ein 2007 eröffnetes Büro- und Einkaufszentrum in der Nähe trägt seinen Namen.
(red)
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